Start News Eventbranche wird trotz Hygienekonzepten stigmatisiert

Eventbranche wird trotz Hygienekonzepten stigmatisiert

167

Die Veranstaltungsbranche ist in Not. Mit Sicherheitskonzepten will man Live-Events im Zuge der schrittweisen Lockerungen wieder ermöglichen. Doch Medien und Politik stempeln Veranstaltungen zu Gefahrenherden ab, obwohl die Schutzkonzepte höhere Standards als im öffentlichen Verkehr, in Einkaufszentren oder Freizeitparks vorsehen. Beim ESB Web-Forum „Veranstaltungen mit Abstand“ diskutierten Event-Insider, wie sie mit der „neuen Normalität“ umgehen.

Mit großem Interesse blickten Veranstalter aus ganz Europa nach Düsseldorf. Die Meldung hatte wie eine Bombe eingeschlagen. Am 4. September sollte das erste Großkonzert seit der Corona-Pandemie stattfinden – vor 13.000 Fans. „Wir hatten beim Sicherheitskonzept an jedes Detail gedacht, nur nicht an die langen Hebel der Politik“, sagt Michael Brill, Geschäftsführer von D.Live, in der Diskussionsrunde beim ESB Web-Forum. Der Düsseldorfer Weg wurde zur Sackgasse. Die Veranstaltung mit Künstlern wie Bryan Adams, Sarah Connor und Rea Garvey findet zum angekündigten Zeitpunkt nicht statt. Trotz eines überzeugenden Hygiene- und Schutzkonzepts sahen sich die Veranstalter zu diesem Schritt gezwungen. Den Grund dafür sieht Brill in der zunehmenden Stigmatisierung von Events. „Es hat einen Sinneswandel in der Gesellschaft gegeben. In der Live-Branche werden Veranstaltungen als Super-Spreader verteufelt“, so Brill. Die Politik befeuere zunehmend diese Einstellung. „Es ist eine Niederlage für uns und für die Event-Branche“, ist Brill überzeugt.

Auch die Schweizer Veranstalter setzen auf ausgeklügelte Hygiene und Schutzkonzepte. Kathrin Morlock, Managing Director von MCH Live Marketing Solutions, hat einen dicken Papierstapel erarbeitet. Mit dem Konzept „Reloading Live“ will die MCH Group viele Live-Events im Zuge der schrittweisen Lockerungen wieder ermöglichen.

„Das Schutzkonzept ist heute eine Pflichtübung, ein Standard, der Grundbaustein für Live-Events“, sagt Morlock. Herausfordernd bleibt die Tatsache, dass es immer noch keine einheitlichen Corona-Auflagen und Sicherheitskonzepte gibt. Jede Veranstaltung müsse individuell erarbeitet werden. „Unser Appell an die Politik ist die Umsetzung von einheitlichen Corona-Maßnahmen. Zumindest ein Basiskonsens bei den Auflagen. Wir hoffen gehört zu werden“, so Morlock.

Was der Veranstaltungsbranche fehle sei eine Lobby, eine Stimme, die sich bei Gesellschaft und Politik Gehör verschaffe. Man sehe sich zunehmend vor der Spaltung der eigenen Branche, denn „was wird aus jenen Veranstaltern, wie Clubs, die keine Platzzuweisungen machen können“?

„Wenn man lernen soll mit dem Virus zu leben, dann müssen wir das als Event-Branche auch können“, entgegnet Mike Schälchli, Geschäftsleiter bei TIT-PIT in Zürich. Mit seiner Distancing-Festival-Serie an 20 Orten der Deutschschweiz finden Open Airs im Corona-Format statt. Sollten in naher Zukunft keine Großveranstaltungen stattfinden, dann würde das Festival über mehrere Monate laufen. „Geld verdienen sieht zwar anders aus, aber wir wollen unsere Mannschaft und die Künstler nicht entschleunigen, wir wollen machen“, so Schälchli.